Gemeinsam gegen Kinderarbeit in Indien – das war die Idee. Heute, fast 20 Jahre nach dem Beginn der erfolgreichen Kooperation, erinnern sich Barbara Küppers, Leiterin Lobbyarbeit bei terre des hommes und Thorsten Rolfes, Leiter der Kommunikationsabteilung bei C&A, an die ersten Schritte der Zusammenarbeit und sprechen über anfängliche Skepsis auf beiden Seiten sowie über gemeinsame Erfolge.

Frage: Sie erwähnten in einem früheren Gespräch, dass der Beginn der Zusammenarbeit zwischen terre des hommes und C&A von Skepsis geprägt war. Woran lag das?

Thorsten Rolfes: Damals war die Zusammenarbeit mit einer NGO (Nichtregierungsorganisation) nahezu undenkbar. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Gemeinsam an Themen oder Lösungen zu arbeiten, war nicht üblich. Mitte der 90er Jahre geriet jedoch mehr und mehr das Thema der Kinderarbeit in der indischen Textilindustrie in den Fokus der Öffentlichkeit. Uns wurde damals klar, dass wir nicht nur eine Verantwortung für die Menschen haben die hier arbeiten, sondern auch für die Menschen entlang der Lieferkette. Dieses Bewusstsein, zusammen mit den entsprechenden Maßnahmen, ist dann über die Jahre gewachsen. Natürlich hatten wir bereits im Vorfeld einen Verhaltenskodex für unsere Lieferanten in dem auch Kinderarbeit verboten war. Was wir aber nicht auf dem Schirm hatten, war das „danach“. Was geschieht mit den Kindern, wenn sie nicht mehr in den Fabriken sind. Man muss Alternativen außerhalb der Fabriken schaffen. Und über diese Erkenntnis kam die Zusammenarbeit mit terre des hommes zustande. Natürlich gab es zunächst Bedenken, dass die NGO das Unternehmen vor sich hertreibt und Einfluss nimmt auf Abläufe innerhalb der Firma, sodass wir nicht mehr Herr unseres eigenen Geschäftes sind. Man wollte sich nicht abhängig machen.

Barbara Küppers: Wir haben die Kooperation 1999 gestartet, haben aber schon 1997 begonnen, miteinander über Kinderarbeit in Lieferketten zu sprechen. Damals war das neu und ungewöhnlich und beide Seiten hatten hohe Vorbehalte. Wir sind ein mitgliederbasierter Verein, das heißt, wir müssen Entscheidungen mit unseren Mitgliedern diskutieren. Da kamen dann so Sätze wie „Wir tanzen mit dem Teufel.“ Wir mussten alle ziemlich viele Vorbehalte überwinden und uns gegenseitig kennenlernen. Wir sind dann 1998 gemeinsam nach Tiruppur in Indien gereist und haben uns gegenseitig unsere Arbeit vorgestellt. Wir sind mit C&A zu Zulieferern gegangen und haben uns die Fabriken angeguckt, die C&A-Mitarbeiter sind mit uns in die Projekte gegangen, die wir vor Ort betreuten. Das hat zu großen Lerneffekten auf beiden Seiten geführt.

Erinnern Sie sich noch daran, wer auf wen zugekommen ist?

Küppers: Ich war damals bei terre des hommes in der Presseabteilung tätig und habe C&A um ein Interview gebeten. Es sollte um die Frage gehen, wie C&A mit Kinderarbeit in der Lieferkette umgeht. Am Ende des Gesprächs forderte ich C&A auf, sich nicht „nur“ darum zu kümmern, dass ihre Zulieferer keine Kinder mehr anstellen. Sie sollten sich auch dafür verantwortlich fühlen, den Kindern eine andere Perspektive zu bieten. Das kam an. Wir haben dann überlegt, ob wir nicht gemeinsam an diesem Thema arbeiten wollen und merkten rasch, dass wir ein gemeinsames Ziel haben: die Kinderarbeit beenden.

Sind Sie selbst hin und wieder vor Ort um die Fortschritte des Projekts zu überwachen?

Rolfes: Ja! Ich bin mit Barbara Küppers durch Indien gereist. Wir waren in den Fabriken, haben Krankenhäuser besucht. Wir waren vor Ort, da, wo die Menschen leben und haben mit ihnen und mit verschiedenen Organisationen geredet. Die erste Reise war für mich intensiv und sehr emotional.

Küppers: Ja sicher, unsere Kollegen vor Ort begleiten die Projekte. Und wir konnten Erfolge erzielen mit diesem Ansatz: C&A und andere Handelsunternehmen haben die Möglichkeit, Einfluss auf die Betriebe vor Ort zu nehmen um etwa die Anstellung von Kindern zu untersagen. Unsere Projektpartner sorgen für Alternativen für diese Kinder, damit sie wieder zur Schule gehen können oder eine Berufsausbildung absolvieren. Dabei erreichen wir auch Kinder, die nicht in Exportfabriken arbeiten, sondern in anderen Branchen.

Was war das erste Projekt, das die Zusammenarbeit hervorbrachte?

Küppers: Das erste Projekt war ein Berufsschulzentrum für Kinder über zwölf Jahre, die schon gearbeitet hatten und die nicht mehr in eine normale Schule zu integrieren waren. Damals war es gesetzlich in Indien nicht vorgesehen, Kinder dieses Alters wieder in Schulen zu integrieren. Wir haben dann ein Berufsschulzentrum aufgebaut, mit dem Kinder aus der Arbeit herausgenommen und mit einem kleinen Stipendium ausgestattet worden sind. Das Ganze wurde durch C&A finanziert.

Trotz all der Bemühungen und Erfolge gibt es Menschen die sagen, Firmen wie C&A engagieren sich nur aus Gründen der Imagepflege. Was sagen Sie diesen Menschen?

Rolfes: Das stimmt nicht. Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, gab es etwa 40.000 arbeitende Kinder unter 14 Jahren in der Textilindustrie in Tiruppur. Zehn Jahre später gibt es keine Kinder unter 14 Jahren mehr in den Exportbetrieben und auch die Kinderarbeit in den für den heimischen Märkten produzierenden Fabriken deutlich zurückgegangen. Man muss immer bedenken, dass es dort auch Fabriken gibt, die für den heimischen Markt produzieren. Die können wir nicht überprüfen. Was aber anhand harter Fakten belegbar ist: Kinder werden in den exportierenden Unternehmen der Textilproduktion nicht mehr als Arbeitskräfte eingesetzt und das ist ein großer Erfolg. Das würde ich den Menschen sagen.

Küppers: Natürlich steht dieser Vorwurf immer im Raum. Man kann es jedoch auch so sehen: Ist es nicht schon ein Erfolg für uns NGOs, wenn Unternehmen um ihr Image fürchten, wenn sie Menschenrechte verletzen? Von daher ist es eigentlich ein Erfolgsindikator, wenn Unternehmen Sorge um ihr Image haben und dann etwas tun. Für uns zählt, ob sich die Situation vor Ort tatsächlich zum Besseren entwickelt. Ob sich jemand also aus tiefster Überzeugung engagiert oder weil das Image in Gefahr ist, ist nicht der entscheidende Faktor. Entscheidend ist, ob Engagement sinnvoll ist und etwas bewirkt.

Sie kämpfen auch gemeinsam gegen das sogenannten Sumangali-System (eine Form der Zwangsarbeit für junge Frauen). Was konnten Sie in diesem Bereich bewegen?

Rolfes: Wir können heute zu recht sagen, dass keiner unserer Lieferanten das Sumangali-System mehr anwendet. Durch die Zusammenarbeit mit terre des hommes wurde erreicht, dass mittlerweile 25.000 junge Frauen aus diesem System herausgeholt und ihnen Alternativen geboten werden konnten. Wenn dann jemand behauptet, wir täten das nur aus Gründen der Imagepflege, dann muss ich diese Meinung so hinnehmen. Die Ergebnisse aber sprechen eine andere Sprache. Das Projekt hat die Lebens- und Arbeitsbedingungen Tausender junger Frauen nachweisbar verbessert und hat beispielsweise dazu geführt, dass das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sich entschlossen hat, dieses Projekt ebenfalls über mehrere Jahre zu fördern.

Wieso wird diese erfolgreiche Kooperation dann nicht aktiver beworben?

Küppers: Wir haben uns gegenseitig zugesagt, dass wir damit keine Werbung machen. Es gibt auf unserer Webseite einen Bericht zu einem der aktuellen Projekte, bei dem es auch um das Sumangali-System geht. Wir arbeiten auch hier wieder mit C&A zusammen. Daraus machen wir auch kein Geheimnis, aber wir stellen es eben auch nicht in den Fokus. Beide Seiten sind einig: Wir wollen unsere Arbeit nicht zu Werbezwecken benutzen.

Rolfes: PR stand für uns bei dieser Arbeit niemals im Vordergrund. Und, das ist auch wichtig: Sie hat auch keinen Nachrichtenwert mehr. Die Öffentlichkeit ist immer sehr stark an Entwicklungen im Bereich der Nachhaltigkeit interessiert, die neu sind. Das ist diese Kooperation aber nicht mehr. Aber ich gebe Ihnen dennoch recht: man könnte sicherlich kommunikativ noch etwas aktiver sein. Aber genau das ist die Herausforderung: wie intensiv will man das Thema Nachhaltigkeit kommunizieren?

Mehr Informationen über die Arbeit von Barbara Küppers und Thorsten Rolfes gibt es am 9. und 10. November auf dem 2. CSR-Kommunikationskongress in Osnabrück.

Text: Christopher Knoop

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